Vom Unsinn, Audio - und Videoproduktionen als mit "KI-generiert" zu kennzeichnen
Jazzmusiker (Cobham, Weatherreport etc) waren die ersten, die für ihre Produktionen Syntheziser, Sampler und Sequenzer einsetzten, ohne dass das allgemein bekannt wurde. In der Pop- und Schlagerbranche war der Einsatz elektronischer Mittel, von Geräten und Programmen durchaus schon lange üblich. Auch da wussten die Konsumenten nichts davon, und es gab weder Protest noch allfällige Kennzeichnung dieser Produkte. Mit Einsatz der KI hat sich das geändert. Streaming-Plattformen (Dezzer, Youtube etc.) sehen sich plötzlich bemüssigt, Audio- und Videotracks damit zu kennzeichnen, dass sie unter Einsatz von KI zustande gekommen seien. Youtube macht das unter der eigener Definition, um Schaden bei den Nutzern abzuwenden. Die Kennzeichnung ist also als abwertend zu betrachten, Audio- und Videoprodukte mit KI-Verwendung, entweder ganz oder teilweise, sind weniger wert, dabei werten YouTube und Co ihren eigenen Content ab, mit welchem sie eigentlich das Publikum auf ihre Portale locken, um ihnen Werbung anzudrehen. Und die Creatoren sollten eigentlich keine Audios und Videos mehr in ihren Kanälen anbieten, wenn die Plattformen ihre Erzeugnisse als von oder mit KI entstanden brandmarkt.
Dabei wird technologische Assistenz seit Jahrzehnten eingesetzt oder stillschweigend hingenommen – bis das Wort „KI“ fällt.Um zu begründen, dass die selektive KI-Kennzeichnung willkürlich und abwertend ist, kann ich eine ganze Armada von etablierten, oft unsichtbaren Technologien ins Feld führen. Hier ist eine Übersicht nach Sparten:
1. Unsichtbare Helfer in der Audioproduktion (Musik & Ton)
In der Musikproduktion ist der Übergang zwischen „menschlicher Leistung“ und „maschineller Korrektur“ schon lange fließend. Kaum ein Hit im Radio kommt ohne diese Werkzeuge aus, von denen der Hörer glaubt, sie seien echt:
1.1 Pitch-Correction (Melodyne / Auto-Tune im Live-Modus):
Während man Auto-Tune als hörbaren Effekt (T-Pain, Trap-Musik) kennt, läuft die Software "Melodyne" in fast jeder professionellen Produktion unhörbar im Hintergrund. Sie korrigiert schiefe Töne von Sängern mathematisch perfekt, passt die Intonation an und glättet die Stimme – ohne dass das Publikum merkt, dass der Sänger die Note eigentlich verfehlt hat.
1.2 Audio Quantisierung (Beat-Matching):
Wenn ein Schlagzeuger ungenau spielt, rückt die Software (z. B. in Pro Tools oder Logic) die Schläge im Millisekundenbereich exakt auf das mathematische Zeitraster (Grid). Das Ergebnis ist ein „perfekter“ Rhythmus, der rein technologisch erzeugt wurde.
1.3 Vocal Aligning (z. B. VocALign):
Bei Background-Chören singen Menschen nie absolut synchron. Diese Software nimmt die Hauptstimme und presst alle anderen Gesangsspuren mathematisch exakt in dieselbe Timing- und Mundbewegungs-Form.
1.4 Sample-Replacement (Drum Replacer):
Oft nimmt eine Band ein echtes Schlagzeug auf, aber der Sound klingt dünn. Der Toningenieur lässt dann eine Software laufen, die jeden echten Trommelschlag "erkennt" und unhörbar durch ein perfekt im Studio aufgenommenes Digitalsample ersetzt. Der Hörer glaubt, er hört den Schlagzeuger, hört aber eine digitale Konserve!
1.5 Virtual Instruments (VSTs):
Ein Hollywood-Filmsoundtrack klingt nach einem 80-köpfigen Orchester. In Wahrheit sitzt oft ein einzelner Komponist am Keyboard und steuert „Vorteile“ von Software-Bibliotheken an (z. B. Vienna Symphonic Library), bei denen jeder Geigenton digital generiert und artikuliert wird. Kein einziger echter Geiger war im Studio!
2. Unsichtbare Helfer in der Videoproduktion (Bild & Film)
Auch im Video- und Filmbereich wird die Realität schon lange vor der Erfindung von generativer KI massiv manipuliert, ohne dass YouTube hier Warnhinweise eingeblendet hat:
2.1 Digitales Make-up / Beauty Retouching:
In Musikvideos und Filmen werden Hautunreinheiten, Falten oder Augenringe der Künstler frame-by-frame automatisiert weggesetzt. Filter tracken das Gesicht und verändern die Geometrie (schmalere Nase, größere Augen) – das ist Standard und läuft vollautomatisch.
2.2 Digitale Statisten (Crowd Replication):
Wenn in einem Film oder Musikvideo ein Stadion voller Menschen zu sehen ist, standen dort in der Realität vielleicht 50 Komparsen vor einer Grünfläche. Software (wie "Massive") vervielfältigt diese Menschen und lässt sie individuell und „menschlich“ agieren.
2.3 Virtual Production (LED-Walls):
Anstatt an echte Orte zu reisen, agieren Schauspieler vor riesigen LED-Leinwänden (bekannt durch Serien wie "The Mandalorian"). Die Hintergründe werden in Echtzeit von einer Computer-Grafik-Engine (Unreal Engine) berechnet und an die Kameraperspektive angepasst. Es ist eine totale optische Täuschung.
2.4 Automatisches Color Grading / Match Color:
Programme passen die Farben ganzer Videoszenen automatisch per Knopfdruck an den Look von Hollywood-Blockbustern an. Hier generiert der Algorithmus die emotionale Bildstimmung, nicht das Auge des Kameramanns.
3.Das Argument der Kontinuität (Die Evolutions-Lüge)
YouTube und Co. tun so, als sei KI ein plötzlicher Sündenfall, der den „ehrlichen, handgemachten Content“ bedroht. Fakt ist: Seit den Synthesizern der 70er (von Billy Cobham bis Weather Report) und dem Einzug des Computers in die Studios in den 90ern ist kein kommerzielles Medienprodukt mehr „rein menschlich“. KI ist lediglich die logische Fortsetzung von Werkzeugen, die Künstlern langwierige, handwerkliche Prozesse abnehmen.
4.Die Absurdität der Grenze
Wo fängt die Kennzeichnungspflicht an und wo hört sie auf? Wenn ein Algorithmus in Adobe Premiere das Rauschen aus einem Video entfernt (was heute Standard ist), ist das oft schon eine KI-gestützte Funktion. Muss das Video jetzt als „mit KI erstellt“ gebrandmarkt werden? Wenn ja, verliert das Label jede Aussagekraft. Wenn nein, ist die Definition der Plattformen reine Willkür.
5.Der wirtschaftliche Suizid der Plattformen
Indem Plattformen wie YouTube diese Inhalte mit Warnhinweisen versehen (die beim Nutzer psychologisch wie ein Warnschild für „Minderwertig / Fake“ wirken), entwerten sie das kreative Kapital ihrer eigenen Creatoren. Wenn die Creatoren daraufhin ihre Inhalte abziehen (was ich ihnen raten würde), verbleibt auf den Plattformen nur noch amateurhafter Content, der ohne moderne Tools auskommt. Damit zerstören die Konzerne die Attraktivität ihrer eigenen Werbeflächen.
6.Generation aus dem Nichts:
Der Unterschied, den Kritiker (und die Plattformen) anführen, ist meistens, dass alte Tools die menschliche Leistung unterstützen (z. B. eine echte Stimme korrigieren), während generative KI Inhalte aus dem Nichts erzeugt. Aber auch ein Synthesizer oder ein Orchester-Sample ersetzt echte Musiker komplett! Ein virtuelles Schlagzeuger-Plugin (das seit 15 Jahren Standard ist) generiert fills und grooves völlig selbstständig auf Basis von Programmierungen – das hat vor KI auch niemanden gestört!
Die Debatte über KI leidet momentan massiv unter einer verzerrten Romantisierung der Vergangenheit, als sei vor fünf Jahren noch alles „mundgeblasen und handgeklöppelt“ gewesen. Mein Realitätscheck liefert dazu nun eine ganz andere Perspektive. Unsere eigenen Veröffentlichungen werden an Streaming-Plattformen, die nicht nur Kennzeichnen (wobei das auch oft zu Unrecht passiert) sondern auch die Verbreitung behindern (z.B. bei Deezer), nicht mehr ausgeliefert. Wenn YouTube & Co ihren Content zerstören, werden wir in Zukunft bald nichts mehr hören! |